Ein Beispiel, wie nützlich die Transaktionsanalyse sein kann, um Veränderungen vorzubereiten.

Mich erreicht ein seltsamer Anruf. Richard ruft mich an. Ob er kurzfristig vorbeikommen könne.Ich sei ja Coach. Ich kenne ihn entfernt aus dem Bekanntenkreis. Er ist Anfang 60, renommierter Wissenschaftler und ein Spezialist in seinem Gebiet. Seine Seminare sind bekannt, asl Dozent ist er sehr beliebt. Die Teilnehmenden mögen seine ruhige und manchmal etwas sarkastische Art des Vortrags.

Er soll demnächst eine größere Seminarreihe als Onlineseminar über eine Plattform vortragen. Nachdem es noch letzte Hinweise zum Ablauf hat er sich furchtbar aufgeregt, ein Telefonat mit seinem Auftraggeber ist fast eskaliert. Am liebsten wolle er alles hinschmeißen und diesen Kurs nicht machen. So ginge das alles nicht.

Genauso energisch, wie er mir die Situation beschreibt, erfrage ich Details. Er müsse nun auch noch irgendwelche Knöpfe in dieser Online-Plattform bedienen, dabei hab er mit seinem Seminarinhalten schon genug zu tun. Außerdem sei die Information erst zwei Tage vor dem Termin gekommen, das sei alles viel zu kurzfristig. Mittlerweile hat sich seine Stimme wieder etwas beruhigt, er atmet auch entspannter. Seine Körperhaltung bleibt gerade, er sitzt aufrecht und wirkt angespannt.

Nach diesem schwungvollen Start lasse ich mir die Situation etwas genauer erklären. Je mehr er aus der Situation beschreibt, desto mehr habe ich den Verdacht, dass er Angst hat. Angst vor der veränderten Unterrichtsart. Angst davor, bei den Teilnehmenden nicht souverän zu wirken. Angst, falsche Einstellungen zu tätigen, so dass das Seminar beendet ist.

Ich frage vorsichtig in diese Richtung. Welche Gefühle sind das? Kennt er solche Gefühle aus anderen Situationen? Wir nähern uns diesem Gefühl von Unsicherheit und Ängstlichkeit.

Es ist eine interessante Konstellation: Auf der einen Seite seine Rolle als bekannter und fachlicher Versierter Wissenschaftler. In seiner Rolle als Dozent und Lehrer ist er respektiert. Es ist aus meiner Erfahrung nichts ungewöhnliches, dass erfahrene Lehrer und Wissenschaftler diese Rollens des „Lehrens“ stark verinnerlichen. Zum Lehren gehören das Wissen, das gelegentlich auch mal etwas gönnerisch dargestellt werden kann, und vor allem das Be-Werten. Aus fachlicher Sicht gibt es richtig oder falsch. Und mit strengem Blick wirft der Lehrer darauf ein Urteil.

Die drei Zustände in der Transaktionsanalyse

Eric Berne hat sich in der Transaktionsanalyse mit dieser Rolle beschäftigt. In der deutschen Übersetzung taucht diese Rolle als Eltern-Ich auf. Neben die beiden Schwerpunkte „Lehren“ und „Bewerten“ tritt häufig noch ein Schwerpunkt: Versorgen. Dann ist das Eltern-Ich ermutigend, unterstützend und sorgt sich um seine Schützlinge.

Neben dem Eltern-Ich hat Berne noch zwei andere Zustände in der Transaktionsanalyse beschrieben: Das Erwachsenen-Ich und das Kind-Ich. Insbesondere letzteres gibt und weitere Hinweise auf Richards Situation. Neben der sponatnen Begeisterung und dem einem hohen Wissensdrang wird das Kind-Ich in der Transaktionsanalyse mit dem Hauptwort „leiden“ in Verbindung gebracht. Verbunden mit dem Leiden Ängstlichkeit, Bockigkeit, Aufsässigkeit und Wut. Als diese Gefühle sind nicht gut oder schlecht, nicht richtig oder falsch. Sie sind angemessen in angemessenen Situationen. Richards Verhalten in der angespannten Situation war ein Sprung aus der Rolle des Eltern-Ich in die Rolle Kind-Ich. Wir alle haben alle drei Rollen ins uns. Sinnvoll ist es, in der richtigen Situation auch die bewusst die richtige Rolle auswählen zu können. Das ist Selbstführung im besten Sinne.  Für sein Verhalten wäre es vermutlich besser, wenn er nicht in sein Kinder-Ich fällt, sondern seine Sorgen formulieren kann, Verbesserungsvorschläge macht oder um Rat bittet.

Richard beschreibt, wie er sich selbst auch unter dieser Situation unwohl fühlt. Er würde gerne souveräner und gelassener auf diese belastende Situation reagieren.

Ich biete ihm an, diese Situation aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Gemeinsam schauen wir uns verschiedene Momente seines Lebens an, in denen er belastende Situationen erlebt hat und diese gut meistern konnte. Ihm fallen zwei berufliche Situationen ein, als er kurzfristig eine Kollegin vertreten musste. Gemeinsam inszenieren wir ein Gespräch. Es unterhalten sich: Der Richard, der gerade vor der unangenehmen Unterrichtssituation steht mit dem Richard, der schon mehrfach solche belastenden Situationen gestaltet hat. Zur Verdeutlichung der beiden Gesprächsrollen schaffen wir eine Zeitleiste, auf der Ganze stattfindet.

Eines wird schnell deutlich: wenn der aktuell belastete Richard die wertvollen Ressourcen und Energien seines „früheren Ichs“ benennt und aktiviert, geht es ihm deutlich besser. Seien Haltung ist gerade, sein Gesichtsausdruck entspannt und er wirkt so souverän, wie er das als Dozent auch sonst tut.

Sie finden sich in diesem Rollenwechsel wieder? Manchmal überraschen Sie sich selbst mit Reaktionen, die Sie gar nicht zeigen möchten? Versuchen Sie es: Mehr als ihr Problemen zu verlieren, können Sie nicht.